Das Eignungspraktikum

In dem neuen Lehrerausbildungsgesetz vom 12.5.2009 ist das Eignungspraktikum als verpflichtendes Praxiselement beschrieben; es bietet die Möglichkeit, bereits vor Aufnahme des Studiums die Schule in der Realität kennenzulernen.
Die Vorstellungen vom Lehrerberuf sind nämlich zunächst sehr stark von der eigenen Schulzeit geprägt, in der jeder subjektive Erfahrungen mit Lehrerinnen und Lehrern gemacht hat. Um den Arbeitsplatz Schule kennenzulernen, braucht man aber eine andere Sichtweise als die von Schülern. Junge Menschen, die den Lehrerberuf ergreifen wollen, müssen die Berufswirklichkeit und ihre spätere Rolle als Lehrerin oder Lehrer erkunden, um festzustellen, ob ihr Berufswunsch auch wirklich der richtige ist.
Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass NRW als erstes Bundesland das Eignungspraktikum eingeführt hat. Es ist Teil eines deutlich praxisorientierteren Studiums, wie es in §12 LAG formuliert ist:

"Der Zugang zum Vorbereitungsdienst ... erfordert vorausgehende schulpraktische Ausbildungselemente. Diese umfassen
1. ein mindestens einmonatiges Orientierungspraktikum,
2. ein Praxissemester von mindestens fünf Monaten Dauer, das neben den Lehrveranstaltungen mindestens zur Hälfte des Arbeitszeitvolumens an Schulen geleistet wird und
3. ein das Studium ergänzendes Eignungspraktikum von mindestens 20 Praktikumstagen.
Das Studium umfasst zudem ein mindestens vierwöchiges außerschulisches oder schulisches Berufsfeldpraktikum. Alle Praxiselemente werden in einem Portfolio dokumentiert..."
 

Ziele und Umfang des Eignungspraktikums

Das Eignungspraktikum hat erstmalig nach den Sommerferien 2010 begonnen; es ergänzt das Studium, ist aber nicht Bestandteil des Studiums. Es kann vor Aufnahme des Bachelor-Studiums geleistet werden, sollte aber möglichst vor dem Orientierungspraktikum abgeschlossen sein. In jedem Fall ist es vor Aufnahme des Vorbereitungsdienstes nachzuweisen.
Als Ersatz können natürlich auch Tätigkeiten in der Kinder- und Jugendarbeit, im Rahmen des Zivildienstes , eines freiwilligen sozialen Jahres oder in einschlägigen Berufen angerechnet werden.
Ich persönlich finde das zum Beispiel nicht gut, denn die realistische Einschätzung von Schule erhält man nur durch die Schule selbst und vor allem auch durch ein Praktikum an anderen Schulformen, die man selbst nicht durchlaufen hat.

In der Lehramtszugangsverordnung ( § 9 LZV  sind die Fähigkeiten definiert, die im Rahmen des Eignungspraktikums zu erwerben sind:
"(1) Die Absolventinnen und Absolventen des Eignungspraktikums (§ 12 Abs. 4 Lehrerausbildungsgesetz) verfügen über die Fähigkeit,
1. die Situation der Schülerinnen und Schüler als individuelle Lerner wahrzunehmen und zu reflektieren,
2. die Rolle der Lehrenden wahrzunehmen und zu reflektieren,
3. die Schule als Organisation und Arbeitsplatz oder auf die Schule bezogene Praxis- und Lernfelder wahrzunehmen und zu reflektieren,
4. erste eigene Handlungsmöglichkeiten im pädagogischen Feld zu erproben und auf dem Hintergrund der gemachten Erfahrung die Studien- und Berufswahl zu reflektieren.
(2) Für das Eignungspraktikum sind alle Schulen zugelassen mit Ausnahme von Schulen, die die Praktikantin oder der Praktikant als Schülerin oder Schüler besucht hat. Das Eignungspraktikum hat einen Umfang von insgesamt 20 Praktikumstagen."
Die Praktikumstage können als Block oder auch an einzelnen Werktagen kontinuierlich absolviert werden, wobei die durchschnittliche tägliche Einsatzzeit 6 Zeitstunden beträgt. Eine Vergütung erfolgt nicht.
 

Die Durchführung des Eignungspraktikums

Für das Eignungspraktikum stehen alle öffentlichen Schulen zur Verfügung; sie sind grundsätzlich verpflichtet, eine entsprechende Zahl von Praktikumsplätzen zur Verfügung zu stellen. Die Zahl hängt von der Schulgröße ab (unter 15 Lehrerstellen = 3 Plätze, über 15 Lehrerstellen = 5 Plätze pro Jahr).

Die Praktikanten können sich nur im Internet für einen Praktikumsplatz bewerben; man kann sich für jede Schulform bewerben, allerdings nicht für die Schule, an der man vorher als Schüler gewesen ist. Es gibt dazu ein onlineunterstütztes Informations- und Beratungsverfahren auf einer neuen Webseite des Schulministeriums:

ELISE
Eignung für den Lehrerberuf in Schule erproben
 ELISE bietet einen Überblick über ausgeschriebene Praktikumsstellen und weitere Informationen zum Eignungspraktikum. Dort gibt es auch ein 37seitiges Handbuch mit allen wissenswerten Einzelheiten.

Die Vergabe der Praktikumsplätze erfolgt durch die Schulleitungen, die sie auch über ihre Rechte und Pflichten an der Schule informieren. In begründeten Fällen können Praktikumsbewerber auch abgelehnt werden. An der Schule selbst werden die Eignungspraktikanten durch erfahrene Lehrerinnen und Lehrer als Mentoren betreut. Sie sorgen dafür, dass sie Einblick in die verschiedenen Aufgaben einer Lehrkraft bekommen und Gelegenheit zur Hospitation und begrenzter pädagogischer Erfahrung erhalten. Selbstständigen Unterricht sollen sie nicht erteilen.

Den Abschluss des Eignungspraktikums bildet die Eignungsberatung, die unter Leitung der Schulleitung, der Mentoren oder Praktikumsbetreuer durchgeführt wird. Darin sollen der Selbsteinschätzung des Eignungspraktikanten die Beobachtungen gegenübergestellt werden, die die Mentoren gemacht haben. Nach 20 Tagen mit jeweils 6 Zeitstunden werden sich genügend Anhaltspunkte für eine konstruktive Rückmeldung ergeben haben, um eine qualifizierte Fremdeinschätzung zu geben. Obwohl bei den Eignungspraktikanten nicht von den Anforderungen eines Lehrers ausgegangen wird, wird man doch die wahrgenommene Freude an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, das Kommunikationsverhalten in Lerngruppen und im Kollegium sowie die Ernsthaftigkeit in Lernsituationen oder auch das Konfliktlöseverhalten beobachtet haben. Mit Hilfe der Selbst- und Fremdeinschätzung sollten die Eignungspraktikanten dann ihr eigenes Entwicklungspotenzial erkennen und reflektieren können.
Für das Portfolio der Studentin oder des Studenten wird dann von der Schulleitung eine Teilnahmebescheinigung über die Ableistung des Eignungspraktikums ausgestellt.

Die Verantwortung für die Durchführung des Praktikums liegt in der Hand der Schulen, wird aber von den Studienseminaren begleitet. Diese heißen übrigens seit  1. August 2011 "Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung".
Sie müssen nämlich zunächst einmal die Mentoren und Mentorinnen an den Schulen schrittweise in die Verfahren der Eignungsberatung einarbeiten. Dazu werden 66 Eignungsberater in den Studienseminaren ausgebildet, die die betreffenden Lehrkräfte an den Schulen auf ihre Aufgabe vorbereiten.
Die Schulen selbst erhalten mit dem Schuljahr 2010/11 pauschal eine Anrechnungsstunde für die Durchführung des Eignungspraktikums, auch wenn die Schule keine Praktikanten hat.

Wird die Schule ein Experimentierfeld
 für Praktikanten ?

Es finden sich demnächst an jeder Schule Eignungspraktikanten, Orientierungspraktikanten, Berufsfeldpraktikanten, Studenten im Praxissemester, Lehramtsanwärter und Lehrer im berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst. Für alle müssen Mentorinnen und Mentoren benannt werden. Keiner macht sich Gedanken darüber, wie eine Mentorin oder ein Mentor während eines eigenen sechsstündigen Unterrichtstages einen Praktikanten betreuen und beraten soll. Für vernünftige Betreuung und qualifizierte Beratung braucht man nämlich Zeit. Da man die während des Unterrichtstages nicht hat, muss man die anhängen - sie wird aber nicht bezahlt.

Wie in vielen Bereichen der Schulpolitik ist zwar die Absicht des Ministeriums sehr zu loben, mehr Praxis in die Lehrerausbildung und damit später in die Schule zu bringen, aber wie immer werden die anfallenden zusätzlichen Aufgaben den Lehrerinnen und Lehrern zusätzlich aufgehalst. Es ist lächerlich, die gesamte Arbeit mit einer pauschalen Ermäßigungsstunde für die gesamte Schule abgelten zu wollen.
Lesen Sie das neue Lehrerausbildungsgesetz (LABG), das die Anforderungen für die neuen Lehrämter verbindlich regelt. Dazu ist eine Verordnung über den Zugang zum Vorbereitungsdienst in NRW  (Lehramtszugangsverordnung - LZV) veröffentlicht worden, die am 19.6. 2009 in Kraft getreten ist. In dieser Verordnung sind die Voraussetzungen zusammengefasst, die für einen Masterabschluss und die einzelnen Lehrämter erforderlich sind. Beide Texte finden Sie im Downloadbereich.
Es gibt beim Schulministerium eine ausführliche Broschüre zum Eignungspraktikum.
Weitere Hinweise:

 

Thema/Titel Internet-Adresse
Projekt: Laufbahnberatung für Lehrerinnen und Lehrer
Hier gibt es Selbsterkundungs- Fragebögen und Checklisten zur Feststellung der Eignung für eine bestimmte Berufslaufbahn
http://nrw.cct-germany.de/
Alle Rechtsvorschriften und Vorgaben zur Lehrerausbildung http://www.schulministerium.nrw.de
In Nordrhein-Westfalen ermöglicht das Eignungspraktikum allen Personen, die ein Interesse an einem Lehramtsstudium haben, eine strukturierte Erstbegegnung mit der Schule als Arbeitsplatz. ELISE bietet Ihnen einen Überblick über ausgeschriebene Praktikumsstellen und weitere Informationen zum Eignungspraktikum. www.elise.nrw.de

 Letzte Aktualisierung dieser Seite am 23.01.14

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