Unterrichtsausfall

Unterricht fällt öfter mal aus. Das ist schon immer so gewesen. Schülerinnen und Schüler haben seit Jahrzehnten gejohlt, wenn es hitzefrei gab. Lehrerinnen und Lehrer haben sich immer gefreut, wenn Schüler aus irgendwelchen Gründen nicht da waren. Schule ist eben auch schön, wenn mal keine Kinder da sind...

Hier lesen Sie die Entwicklung des Unterrichtsausfalls von 2001 bis 2016 incl. der neuesten Erhebung aus dem Jahr 2015, die im Dezember 2016 veröffentlicht wurde.


Problematisch wurde es, als durch die TIMSS - Studien offenkundig wurde, dass die deutschen Schulen im internationalen Vergleich nur unterdurchschnittliche Lernleistungen erbringen. Wie so üblich - wurde nach den Schuldigen gesucht. Sie wurden auch schnell in Form der Lehrerinnen und Lehrer (und besonders der Schulleitungen!) gefunden. Dabei wurde ganz einfach vergessen, dass der Job eines Lehrers nicht einfach mit dem einem Finanzbeamten oder eines Polizisten zu vergleichen ist, 
Wenn ein Finanzbeamter krank ist, bleiben die zu bearbeitenden Akten einfach auf dem Schreibtisch liegen oder der Vorgesetzte verteilt die Arbeit auf die anderen Mitarbeiter. Diese haben aber dadurch keinen besonderen Stress, weil sie halt ihre Arbeit weitermachen und die dazugekommenen Papiere hinten anstellen. Evtl. ordnet der Vorgesetzte einige Überstunden an. Doch das bedeutet für die Mitarbeiter lediglich eine verlängerte Arbeitszeit, aber nicht mehr Stress während der normalen Arbeitszeit. Ein gutes Beispiel ist die Beihilfestelle der Bezirksregierung Düsseldorf: Fehlt ein Sachbearbeiter, so dauert die Bearbeitung der Beihilfe eben länger. Dazu hat vor kurzem der Regierungspräsident noch Sachbearbeiter aus dieser Abteilung abgezogen und in das Umweltamt versetzt. Die Begründung war, es gebe bei Fehlen in der anderen Abteilung Ärger mit dem Staatsanwalt, der Folgen hätte. Bei Fehlen von Sachbearbeitern in der Beihilfestelle gebe es lediglich Ärger mit den Lehrern, aber der habe keine Folgen und sei zu ertragen...

Nimmt man eine Fehlquote im öffentlichen Dienst von 5% an, so weiß jeder, dass damit auch im Lehrerbereich 5% Unterrichtsausfall vorprogrammiert wird. In der Schule kann man das dadurch auffangen, dass man entweder unbezahlte Vertretungsstunden machen lässt oder zusätzliche Mehrarbeit anordnet. Aber wenn nicht genügend Lehrer zur Verfügung stehen, ist guter Rat teuer. Da hilft das beste Management nichts. Dann muss eben Unterricht ausfallen.
In jeder Firma würde dafür gesorgt, dass eine Arbeitskraftreserve von 5% vorhanden ist, damit Termine oder versprochene Leistungen erbracht werden. Im Schulbereich gab es in den 80er und 90er Jahren eine Stellenreserve; diese wurde dann völlig abgeschmolzen, weil man sparen wollte.

2006 war die schwarz-gelbe Regierungskoalition glücklicherweise etwas schlauer geworden und hatte eine flexible Vertretungsreserve eingeführt, die allerdings nur 2 % betrug. Damit konnte man nicht viel machen. Die Grundschule hatte es etwas besser, denn mit den 940 zusätzlichen Stellen der Vertretungsreserve und den 900 Stellen, die den Schulämtern als schulübergreifende Vertretungsreserve zur Verfügung standen, kam sie immerhin rechnerisch auf fast 6%.

Der Unterrichtsausfall ist vielfältiger Natur:

  • Struktureller Unterrichtsausfall

Wenn das Ministerium seit Jahren eine schlechte Einstellungspolitik betreibt, braucht es sich nicht zu wundern, wenn die arbeitslosen Lehrer in andere Berufe abwandern. Dann sind plötzlich keine Lehrer mehr für Naturwissenschaften oder Mathematik mehr da. Und da helfen dann auch keine Qualifikationserweiterungen, Greencards oder Seiteneinsteiger mehr. In NRW gibt es Erlasse, die jetzt Pensionären oder Fremdberuflern das Lehrerdasein schmackhaft machen sollen. Damit sollen dann  hausgemachte Probleme wieder beseitigt werden. Jugendliche brauchen aber keine alten Leute als Billigkräfte, sondern  junge Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Sprache sprechen, die ihre Situation verstehen und ihre fehlende elterliche Einwirkung in eine adäquate Erziehung umsetzen können. Deren gibt es genug. Man braucht sie nur einzustellen. Unterricht kostet eben nun mal Geld - da muss man den Mut haben, Prioritäten zu setzen.
Strukturellen Unterrichtsausfall gibt es an den Grundschulen vorrangig in den Fächern Sport und Religion, an den weiterführenden Schulen zusätzlich vor allem in Naturwissenschaften, Mathematik, Informatik und Fremdsprachen. Strukturellen Unterrichtsausfall gibt es besonders in der Oberstufe, da kaum eine Schule mit ihrer Lehrerbesetzung außer den Pflichtfächern noch Informatik, Technik oder Wirtschaft anbieten kann. Schon allein das ist ein großer Mangel, der die Wettbewerbsfähigkeit unserer Schulabgänger negativ beeinflusst.

  • Verschleierter Unterrichtsausfall

Nachdem vor einigen Jahren statt einer festen Stundentafel die "Bandbreiten" für jedes Schuljahr eingeführt wurden, müssen z.B. an den Gymnasien in NRW die Schüler in der Klasse 5 wöchentlich 29 bis 32 Stunden Unterricht haben. Durch diese flexible Stundentafel lässt sich die Kürzung von Unterricht wunderbar verschleiern. Man bleibt nämlich auch mit 29 Stunden statt 32 Stunden immer noch innerhalb des vorgegebenen Rahmens. Für die einzelnen Fächer gibt es Gesamtwochenstunden für die Klassen 5-10. Obwohl diese Bandbreite durch die neue APO S I stark eingeschränkt wurde, gibt es sie für einzelne Fächer immer noch. Für Sport z.B. sind für die Klassen fünf und sechs 6-8 Stunden vorgegeben, für die Klassen sieben bis zehn 10-12 Stunden. Zusammen müssen innerhalb von 6 Jahren 18 Stunden gegeben worden sein. Das kontrolliert aber keiner. Mit Kern- und Ergänzungsstunden, die flexibel gestaltet werden können, verhält sich das ähnlich. Bei einer Schule, die in allen Bereichen an der unteren Grenze bleibt, fällt statistisch kein Unterricht aus. In Wahrheit aber erhalten die Schüler in manchen Fächern dann deutlich weniger Unterricht als an einer anderen Schule. Dafür ist natürlich die Lehrerbesetzung der einzelnen Schule verantwortlich.

Den verschleierten Unterrichtsausfall haben inzwischen auch Eltern erkannt:

Mogelpackung

Unterrichtsausfall

Es wird viel über den Unterrichtsausfall in Nordrhein-Westfalen geschrieben, dieser Missstand ist zum Glück aufgedeckt und ins Bewusstsein gerückt. Was ist aber mit der Tatsache, dass unsere Kinder laut regulärem Stundenplan bereits unter der vom Ministerium festgelegten Stundenrichttafel liegen? Aktuelles Trauerbeispiel: neunte Klasse Gymnasium, 27 Wochenstunden, soviel wie ein Grundschüler. Laut Stundenrichttafel des Ministeriums müssten 33 Wochenstunden unterrichtet werden. Dass vier Fächer gar nicht erst unterrichtet werden, weil die Lehrer hierzu an der Schule fehlen, kümmert Düsseldorf überhaupt nicht. Diese sechs fehlenden Wochenstunden tauchen in keiner Statistik auf, denn was gar nicht erst auf dem Stundenplan steht, fällt auch nicht aus. (Leserbrief RP v. 11.1.2008)

  • Geplanter Unterrichtsausfall

Es gibt sehr viele Unterrichtsstunden, die innerhalb eines Jahres ausfallen, weil für eine Vertretung bei einer Lehrerbesetzung von 100% gar nicht gesorgt werden kann. Da sind einmal die Fortbildungsveranstaltungen, auf die Lehrer ein Recht haben und die auch sinnvoll sind. Schließlich muss das System Schule auf veränderte Bedingungen in der Erziehung, der Gesellschaft oder den Wissenschaften reagieren und die Lehrer müssen entsprechend darauf vorbereitet werden. Lehrer haben Anspruch auf Weiterbildung von 5-10 Wochentagen pro Schuljahr. Diese fallen schon mal aus. Dazu kommen z.B. Prüfungen, Nachprüfungen, Lehramtsprüfungen und Abiturprüfungen. Wenn bei diesen jeweils Prüfer, Protokollführer und Vorsitzende beteiligt sind, erkennt auch schnell der Laie, dass bereits bei einer einzigen Prüfung 3 Lehrer gleichzeitig ausfallen, die gar nicht immer zu vertreten sind. Schulen machen heute durchweg dreiwöchige Betriebspraktika. Wenn diese durch Klassenlehrer mit Mangelfächern betreut werden, fällt dieser Unterricht auch für längere Zeit aus. Genauso entsteht Unterrichtsausfall durch Klassenfahrten, Wandertage oder Studienfahrten. Auch Elternsprechtage, Betriebsausflüge oder regelmäßige Veranstaltungen im Jahresablauf führen zu Unterrichtsausfall. Das müsste jedes Ministerium wissen und die Lehrerbesetzung um den Prozentfaktor erhöhen, den dieser Ausfall ausmacht. Nur so kann er vermieden werden.
Obwohl die meisten Konferenzen nach Unterrichtsschluss beginnen, lässt sich ein Ausfall manchmal gar nicht vermeiden. Manchen Schulformen (z.B. Gesamtschulen) werden zusätzlich besondere Formen von Konferenzen aufgebürdet, die alle nach Unterrichtsschluss durchgeführt werden sollen. Da diese Schulform in der Regel als Ganztagsschule organisiert ist, bedeutet das für die darin unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer eine unverständliche Sonderleistung, die einfach nicht zu erbringen ist.

  • Ungeplanter Unterrichtsausfall

Während man in der Schule auf geplanten Unterrichtsausfall noch einigermaßen effektiv durch Unterrichtsverlegung reagieren kann, ist das bei plötzlichem Ausfall von Lehrpersonen schwierig. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Erstellung des täglichen Vertretungsplans jeden Morgen ein großes Problem darstellt. Als Vertretungsplaner wartet man bange morgens zwischen halb acht und acht Uhr auf die zu erwartenden Anrufe von Kolleginnen und Kollegen, die krank geworden sind oder aus irgendwelchen Gründen nicht pünktlich zum Dienst erscheinen können. Für ein hoch differenziertes System mit E- und G-Kursen, Wahlpflichtunterricht, Oberstufenkursen und eventuell dazu noch im Ganztagsbetrieb bedeutet das jeden Tag eine aufzubringende Höchstleistung im Vertretungsmanagement.
Und wenn die Ressourcen erschöpft sind, muss eben auch Unterricht ausfallen.

  • Unterrichtsausfall durch Überlastung der Bezirksregierung

Man höre und staune: Auch das gibt es! Ein Artikel aus der Rheinischen Post am 31.1.2014 zeigt diesen Missstand auf:

Dinslaken/Düsseldorf. An der Jeanette-Wolf-Realschule in Dinslaken kann eine dringend benötigte Vertretungslehrerin nicht mit dem Unterricht anfangen, weil die zuständige Bezirksregierung Düsseldorf überlastet ist. "Wir warten seit Tagen auf den Vertrag mit der Unterschrift von der Bezirksregierung. Ohne den dürfen wir sie nicht einstellen", sagt ein Lehrer aus dem Kollegium. Das für die Einstellung von Vertretungslehrern zuständige Dezernat 47 Z ist nicht zu erreichen. Nur der Anrufbeantworter ist eingeschaltet. Darauf ist die Stimme einer jungen Frau zu hören, die sagt: "Guten Tag, Sie sind verbunden mit der Bezirksregierung Düsseldorf, Dezernat 47 Z. Aufgrund des hohen Arbeitsaufkommens zum neuen Schulhalbjahr sind wir ab sofort bis einschließlich 7. Februar telefonisch nicht mehr erreichbar." Und weiter ist zu hören: "Bitte sehen Sie von Sachstandanfragen auch per E-Mail ab. Wir sind bemüht, ihre Anträge auf Vertretungsunterricht so schnell wie möglich abzuarbeiten. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Auf Wiederhören."
An der Realschule dachte man zunächst an einen Scherz, als man die Ansage das erste Mal hörte. "Aber schnell stellte sich heraus, dass das ernst gemeint war", berichtet das Kollegiumsmitglied. Die Schule hatte die Vertretungstelle ausgeschrieben, weil eine Lehrerin für Deutsch und Englisch langfristig ausfällt.
Eigentlich hätte die neue Lehrerin bereits seit dem 27. Januar unterrichten können. Stattdessen müssen nun andere Lehrer der Schule einspringen. "Das führt zu weiterem Unterrichtsausfall", sagt der Lehrer der Schule. Er schätzt, dass landesweit noch viel mehr Schulen betroffen sind. Nach Informationen unserer Zeitung soll ein hoher Krankheitsstand bei der Bezirkregierung für den Missstand verantwortlich sein. Dort war gestern Abend niemand mehr für eine Stellungnahme zu erreichen.
Kritik kommt von der FDP-Fraktion im Düsseldorfer Landtag. Yvonne Gebauer, bildungspolitische Sprecherin der FDP, sagte unserer Zeitung: "Es ist nicht hinnehmbar, wenn Ansprechpartner in der Bezirksregierung für Lehrer und Schulen tagelang nicht erreichbar sind." Sie forderte Schulministerin Löhrmann (Grüne) auf, dafür zu sorgen, dass Lehrer, die dringend an Schulen gebraucht werden, um Unterrichtsausfall zu verhindern, auch zeitnah ihre Arbeit aufnehmen können.
(Quelle RP 31.1.2014)

Die Feststellung des wirklichen Unterrichtsausfalls ist schwierig. Sie hat zwei verschiedene Seiten. Einmal wird vom Ministerium statistisch gar nicht richtig ermittelt, wie viel Unterricht tatsächlich ausfällt. Die Jahresstatistik gibt immer nur die Daten des Erhebungszeitpunktes an. Es werden dabei lediglich die Pflichtstunden eines Lehrers und die nicht erteilten Unterrichtsstunden aufgrund irgendwelcher Ermäßigungen gegenübergestellt. Für die Rechnung wird ein Stichtag festgelegt. In NRW ist es der 15.Oktober eines jeden Jahres. Wenn die Anfangsbesetzung der Schule zum Erhebungszeitpunkt gut ist, fällt auch wenig aus. Wenn gerade eine Grippewelle im Herbst den Erhebungszeitraum trifft, ändert dies auch gewaltig die Zahlen.
Allerdings wird die Mehrarbeit der anderen Lehrer für eine erkrankte oder abwesende Lehrperson meistens gar nicht im Ministerium wahrgenommen. In NRW hängt das z.B. damit zusammen, dass Lehrer grundsätzlich verpflichtet sind, 3 Stunden Mehrarbeit im Monat kostenlos zu leisten. Erst bei 4 Stunden erhalten sie eine Bezahlung. Die Überstunden, die unterhalb dieser Schwelle bleiben, werden überhaupt nicht registriert und auch nicht honoriert. In den meisten Schulen ist es in der Regel so, dass anfallende Mehrarbeit so auf die anderen Kollegen verteilt wird, dass keinerlei Bezahlung anfällt. Es gibt aber genauso auch die Form, dass die geleisteten Überstunden durch Freizeit ausgeglichen wird. Dann fällt irgendwo dafür Unterricht aus, der aber ebenfalls nirgendwo registriert wird.

Der ausfallende Unterricht hat auch zahlenmäßig und funktionsmäßig sehr unterschiedliche Aspekte:
Statistisch ist zum Beispiel der Unterrichtsausfall an einer Schule ungeheuer groß, wenn dieser an einem Elternsprechtag für alle Klassen ausfällt. Das bedeutet bei einer Schule mit 33 Klassen und 6 Stunden an diesem Tag den Ausfall von 198 Stunden. Dies wäre gleichbedeutend mit dem vierwöchigen Ausfall von 2 Lehrern. Allerdings nur statistisch. Es ist schon ein riesiger Unterschied, ob ein Klassenlehrer im 9. Schuljahr für vier Wochen ausfällt und vertreten werden muss oder ein Fachlehrer für Chemie und Physik für vier Wochen zu vertreten ist. Bei einem Elternsprechtag bekommen außerdem die Schülerinnen und Schüler in der Regel deutlich mehr Hausaufgaben oder Übungen auf. Schließlich weiß die Schule um den Unterrichtsausfall und reagiert entsprechend sinnvoll darauf. Doch das wird nirgends registriert.

Auch die letzten Erhebungen des Ministeriums von 2001, 2003, 2005, 2007 und 2008 an statistisch ausgewählten Schulen in NRW zeigen diese Mängel:

  • Der erste Fehler besteht darin, dass gar nicht die notwendige Stundentafel abgefragt wird, sondern der nach Stundenplan zu erteilende Unterricht in Stunden. Es wird überhaupt nicht überprüft, ob die Stundentafel für die betreffende Schulform erfüllt wird oder ob bereits Kürzungen vorgenommen wurden. Das kann man nämlich nur kontrollieren, indem die vorgeschriebenen Stunden der Stundentafel zu den wirklich erteilten in Relation gesetzt werden. Und das fächerbezogen und für die Dauer von sechs Jahren!
  • Der zweite Fehler liegt darin, dass die unentgeltlich erteilten Mehrarbeitsstunden des Kollegiums überhaupt nicht gewertet werden. Es wird zwar nachgefragt, wie viele Vertretungsstunden erteilt wurden, aber nicht, ob sie unbezahlt oder bezahlt erteilt wurden. So wird der täglich zu erteilende Vertretungsaufwand gar nicht ermittelt.
  • Der dritte Fehler ist durch den Ersatzunterricht bedingt. Fehlt beispielsweise ein Mathematiklehrer und wird dessen Unterricht durch einen Englischlehrer ersetzt, so taucht dieser Unterricht in der Statistik als erteilter Unterricht auf, Der Anteil eines solchen Unterrichts lag 2008 in der Hauptschule bei 25 %. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass bei zentralen Prüfungen die Ergebnisse so miserabel sind.
  • Der vierte Fehler ist ebenfalls in der Qualität der Unterrichtsvertretung zu finden. Der Ausfall eines Fachlehrers in den Differenzierungsfächern Englisch und Mathematik oder je nach Schulform in weiteren Fächern wird oft dadurch aufgefangen, dass Lerngruppen zusammengelegt werden. Der Fachlehrer muss also vertretungsweise eine fremde Gruppe mit übernehmen und hat dadurch eine übergroße Lerngruppe, deren Lernerfolg sowohl für die eigene wie auch die fremde Gruppe wesentlich geringer ist.
  • Der fünfte Fehler liegt darin, dass nicht ermittelt wird, ob der ausfallende stundenplangemäße Unterricht durch wirklichen Unterricht ersetzt wird oder durch Hausaufgaben anfertigen, Spielen, Spazieren gehen o.ä. Es kommt nämlich darauf an, wie Unterrichtsausfall definiert wird. Wenn er als fehlender Lernzuwachs angesehen wird, würde das schon eine bedeutsame Rolle spielen.

Ehrlicher als in den Vorjahren war zum ersten Mal Ende 2005 das Zugeständnis, dass die Stichprobe 2005 eigentlich keine echten Rückschlüsse auf den echten Unterrichtsausfall eines gesamten Jahres zuließ. Sie wurde nämlich Ende Mai/Anfang Juni  durchgeführt, also in einer Zeit, in der die Krankheitsfälle normalerweise gering sind, keine Elternsprechtage stattfanden und sehr viele Klassenfahrten veranstaltet wurden. Auch die Zahl der Lehrerfortbildungen ist normalerweise in der ersten Juniwoche minimal.

Ebenso wird auch zugestanden, dass die Bandbreiten es gestatten, dass im Endeffekt deutlich mehr Unterricht ausfällt, als mit einer Stichprobe gemessen werden kann. Weiterhin wird erkannt, dass kaum eine Schule mit 100% Lehrerbesetzung aufwarten kann und deshalb ein vollständiger Unterricht gar nicht möglich ist.
Im Bericht von 2007 heißt es dann: "Die massive Verbesserung des Gesamtergebnisses gegenüber 2005 ist insbesondere vor dem Hintergrund positiv zu bewerten, dass eine vollständige Vermeidung von Unterrichtsausfällen kaum möglich ist. Auch bei einer großzügig bemessenen Vertretungsreserve stößt eine Schule, wenn mehrere Lehrkräfte gleichzeitig unvorhergesehen ausfallen (z.B. wegen Krankheit), an ihre organisatorischen Grenzen. Insbesondere die Vertretung mit planmäßigem Fachunterricht durch eine andere Lehrkraft ist unter solchen Umständen schwierig."

Lesen Sie die Zusammenfassungen, die das Ministerium jedes Jahr als Bewertung der Stichprobe herausgegeben hat und machen Sie sich selbst ein Bild. Sie sind  im Downloadverzeichnis für das Jahr 2005 unter uausfall05.pdf und für 2007 unter uausfall07.pdf enthalten. Die Ergebnisse für 2008 finden Sie dort unter uausfall2008.pdf.

Interessant sind vielleicht für Sie die Vergleichsdaten aus den früheren Jahren:
Im Downloadbereich habe ich die Presseerklärung des Ministeriums als WORD-Dokument unter dem Namen uauspress.zip vom 29.5.2001 abgelegt. Ausführlicher ist allerdings die Rede der Ministerin, die dort ebenfalls unter dem Namen uausrede.zip zu finden ist. Sie bezieht sich auf die Auswertung der repräsentativen Stichprobe vom Februar 2001 an 407 Schulen, deren Ergebnisse ich im Downloadverzeichnis unter dem Namen uausstich.zip zum Herunterladen zur Verfügung gestellt habe. Diese 19-seitige Zusammenfassung ist höchst aufschlussreich und zeigt dem Insider auch deutlich die Schwächen der Untersuchung. Laden Sie den Text mit Kommentar herunter und urteilen Sie selbst!

Die Untersuchung des Unterrichtsausfalls vom Frühjahr 2005 hatte gezeigt, dass der Begriff von der "verlässlichen Schule", der vom Ministerium geprägt worden war, eine leere Versprechung war. In den einzelnen Schulformen ergab sich folgendes Bild:
 

Unterrichtsausfall in NRW im Jahre 2003

Grundschule Hauptschule Realschule Sonderschule
3,9% 5,0% 4,3% 6,2%
Gesamtschule S I Gesamtschule S II Gymnasium S I Gymnasium S II
5,6% 7,4% 4,2% 5,8%

Es hat sich nicht viel gebessert:

Unterrichtsausfall in NRW im Jahre 2005

Grundschule Hauptschule Realschule Förderschule
3,9% 3,8% 5,9% 3,1%
Gesamtschule S I Gesamtschule S II Gymnasium S I Gymnasium S II
3,96% 7,2% 4,2% 6,4%

Ministerin Barbara Sommer hatte noch am 27.10.2005 die Ergebnisse der Stichprobe aus dem Schuljahr 2004/05 bekannt gegeben und zugeben müssen, dass sich in den letzten beiden Jahren nicht viel verändert hat. Mehr als 5 Millionen Unterrichtsstunden fallen jährlich aus.
Andererseits hätte das Ministerium doch sofort erkennen müssen,
mit welchem Prozentfaktor eine Stellenreserve für die einzelnen Schulformen geschaffen werden müsste, um den Ausfall zu kompensieren. So könnte der Unterrichtsausfall vermieden werden.

Unterrichtsausfall in NRW im Jahre 2006

Grundschule Hauptschule Realschule Förderschule
0,9% 2,3% 2,7% 2,5%
Gesamtschule S I Gesamtschule S II Gymnasium S I Gymnasium S II
3,7% 3,6% 3,3% 4,2%

Voller Stolz verkündete die Ministerin im Dezember 2006, dass sich der Unterrichtsfall gegenüber dem Vorjahr um 46% verringert habe. Eine Stichprobe ähnlicher Art wie in den Vorjahren war im Juni in 404 Schulen aller Schulformen durchgeführt worden und hatte dieses Ergebnis erbracht. Die Echtheit des Ergebnisses muss genau wie in den Vorjahren in Zweifel gezogen werden, weil die gleichen Untersuchungsfehler gemacht wurden.
Was allerdings korrekt ist und anerkannt werden muss, dass die administrativen Maßnahmen Konsequenzen gezeigt haben. Es wurden wesentlich weniger Konferenzen während der Unter-richtszeit abgehalten, es fiel wesentlich weniger Unterricht durch Lehrerfortbildung aus und es wurden durch Druck der Schulleitungen wesentlich mehr Vertretungsunterricht und Mehrarbeit angeordnet. Dies war das Ergebnis eines stärkeren Bewusstmachens der Bedeutung von Unterricht und einer gesicherten Unterrichtszeit. Zweifellos trugen dazu aber auch die 1000 zusätzlich zur Verfügung gestellten Lehrerstellen bei.
Allerdings muss man bei den Prozentsätzen immer bedenken, dass sie nicht die reine Wahrheit darstellen, sondern die oben genannten Unterrichtsausfälle nicht berücksichtigen.

Unterrichtsausfall in NRW im Jahre 2007

Grundschule Hauptschule Realschule Förderschule
1,5% 2,6% 2,4% 3,0%
Gesamtschule S I Gesamtschule S II Gymnasium S I Gymnasium S II
4,5% 3,8% 3,3% 2,5%

Für 2007 erklärte das Ministerium den Anstieg des Unterrichtsausfalls an Gesamtschulen so: "Allerdings ist es so, dass in den letzten Wochen vor den Sommerferien die Zeugniskonferenzen stattfinden. Da die Gesamtschulen als einzige Schulform flächendeckend in gebundener Ganztagsform organisiert sind, fällt hier selbst bei am Nachmittag anberaumten Konferenzen Unterricht aus. Es ist nur wenigen Schulen gelungen, diese Konferenzen so abzuhalten, dass kein Unterricht ausfällt. Folglich entfällt mehr als ein Drittel des Unterrichtsausfalls an Gesamtschulen auf Konferenzen und Dienstbesprechungen." Für die Grundschulen wird die Durchführung der Sprachstandsfeststellung angeführt.

Die Stichprobe von 2008 zeigt, dass der Unterrichtsausfall nochmals reduziert werden konnte. Die Ministerin lobt sich in ihrer Zusammenfassung sehr und betont immer wieder, dass die Vorgängerregierung das nicht in den Griff bekommen habe. Man muss tatsächlich zugestehen, dass die zusätzliche Einstellung von 4000 Lehrern und der Druck auf die Schulen geholfen haben. Es ist aber auch festzustellen, dass der größte Unterrichtsausfall durch die Krankheit von Lehrerinnen und Lehrern verursacht wird. Und der Krankenstand ist gestiegen. Das sollte man nicht vergessen und überlegen, ob nicht der Druck eine der entscheidenden Ursachen dafür ist. Wenn Elternsprechtage und Konferenzen außerhalb der Unterrichtszeit durchzuführen sind, wenn Betriebsausflüge flächendeckend wegfallen, weil sie nicht während der Unterrichtszeit durchgeführt werden dürfen, wenn Fortbildungen drastisch gekürzt werden, weil kein Ersatz für die abwesenden Lehrkräfte da ist, wenn Klassenfahrten deutlich reduziert werden, weil die Reisekosten nicht zur Verfügung stehen, wenn kulturelle Veranstaltungen nur noch besucht werden, wenn die Vertretung gesichert ist, wenn Sonderurlaub kaum noch genehmigt wird, weil der Unterrichtsausfall nicht abgedeckt werden kann, so sind das alles Faktoren, die sich summieren und bei den Lehrerinnen und Lehrern, die sowieso täglich am Limit arbeiten, die Belastungsgrenze überschreiten. Der Unterrichtsausfall wird zwar reduziert, aber der tägliche Stress der Lehrerinnen und Lehrer auch entsprechend erhöht.

Unterrichtsausfall in NRW im Jahre 2008

Grundschule Hauptschule Realschule Förderschule
0,9% 2,7% 2,7% 2,5%
Gesamtschule S I Gesamtschule S II Gymnasium S I Gymnasium S II
2,4% 2,7% 2,2% 3,0%

NRW plant die erste Statistik zum Unterrichtsausfall

Wie ein Sprecher des Ministeriums verkündete, ist für das Schuljahr 2008/09 die erste flächendeckende Erfassung des Unterrichtsausfalls geplant. Das soll dann mit der automatischen Abfrage der Computerdaten aus den Schulen erfolgen.
Dazu wurde im Sommer 2007 der Anfang gemacht, indem ein strukturiertes Formular an alle Schulen versandt wurde, um den Unterrichtsausfall in einem Zeitraum von 10 Tagen im Mai/Juni 2007 zu dokumentieren. Inzwischen wurden die Schulen angehalten, den Unterrichtsausfall in regelmäßigen Abständen mit diesem Erhebungsbogen festzuhalten. Er ist im Downloadbereich unter dem Namen uausfallbogen.pdf zu finden.
 

Unterrichtsausfall in NRW im Jahre 2009

Grundschule Hauptschule Realschule Förderschule
1,6% 3,2% 3,0% 2,6%
Gesamtschule S I Gesamtschule S II Gymnasium S I Gymnasium S II
3,1% 2,3% 1,7% 2,2%

In einer Aktuellen Stunde des Landtags erklärte Ministerin Barbara Sommer am 18.9.2008, dass sich der Unterrichtsausfall seit dem Regierungswechsel mehr als halbiert habe. Mit zwei Prozent  befinde sich der Anteil der ausgefallenen Stunden auf dem niedrigsten jemals gemessenen Stand. Schade ist aber weiterhin, dass es bei der Vermeidung von Unterrichtsausfall immer nur um die Verbesserung der Statistik und nicht um die Verbesserung der Bildungschancen von Kindern geht. Dazu brauchte man nämlich eine Stellenreserve, mehr Lehrer, kleinere Klassen und besseren Unterricht.

Unterrichtsausfall in NRW im Jahre 2010

Grundschule Hauptschule Realschule Förderschule
1,4% 3,6% 2,7% 1,9%
Gesamtschule S I Gesamtschule S II Gymnasium S I Gymnasium S II
3,4% 4,2% 2,0% 2,9%

Der relativ geringen Unterrichtsausfall in den einzelnen Schulformen, der sich aus der Stichprobe ergab, wurde von den Eltern und von der Öffentlichkeit ganz anders wahrgenommen, zumal der Landesrechnungshof zu einer deutlich höheren Einschätzung kam. In seinem Rechenschaftsbericht von 2011 informierte er über seine Prüfung zum "Unterrichtsausfall an öffentlichen Schulen in Nordrhein-Westfalen" und kam zu dem Schluss, dass im Geschäftsjahr 2010 5,8 % der Unterrichtsstunden ausgefallen waren.

November 2013:  Landesrechnungshof bemängelt immer noch hohen Unterrichtsfall

Die rot-grüne Landesregierung mit Schulministerin Sylvia Löhrmann bemüht sich zwar, den Unterrichtsausfall zu verringern, aber richtig gelingt es immer noch nicht. Der Landesrechnungshof dringt auch im November 2013 immer noch darauf, an allen öffentlichen Schulen in NRW eine Unterrichtsausfall-Statistik einzuführen.  Der Rechnungshof legte nämlich eine Bilanz von 2011 bis 2013 vor, aus der hervorging, wie weit die bemängelten Ausfälle von 2011 in den letzten beiden Jahren behoben worden sind. Dabei muss man bedenken, dass die Berechnungen des Schulministeriums anders aussehen als die des Landesrechnungshofes. Beispielsweise hatte das Ministerium für das Schuljahr 2008/09 einen Unterrichtsfall von 2,3% angegeben, während der LRH in einer eigenen Stichprobe ermittelte, dass 5,8% des planmäßigen Unterrichts ausgefallen waren.


Quelle : Rheinische Post 12.7.2011

25. Juli 2014 Schulministerium will Unterrichtsausfall wieder erfassen

Anscheinend hat es Ministerin Löhrmann doch geärgert, dass der Landesrechnungshof und andere Politiker ihr vorgeworfen haben, dass ein großer Teil der Unterrichtsausfälle auf schlechte Organisation in den Schulen zurückzuführen sei. Nunmehr will sie die systematische Erfassung doch wieder in Gang setzen, auf die sie 4 Jahre lang verzichtet hatte.
 


26.11. 2014 Ausfall von Sportunterricht  vorprogrammiert?

Das Schulministerium hat am 26.11.2014 einen Erlass zur Sicherheitsförderung im Sportunterricht herausgegeben, der einige Tage später mit Wirkung vom 1.12. 2014 umgehend in Kraft getreten ist. Das ergab einen Aufschrei in den Grundschulen, denn ab sofort durften Schulleitungen keine Lehrkräfte mehr einsetzen, denen die fachlichen Voraussetzungen für die Erteilung des Sportunterrichts fehlen. Zumindest einen Übungsleiterschein muss jeder haben, der etwa im Vertretungsunterricht eingesetzt wird. Für den Schwimmunterricht muss der Nachweis der Rettungsfähigkeit vorliegen. Das war bisher zwar auch der Fall, aber jetzt muss er alle 4 Jahre aufgefrischt werden.
Der 83-seitige Erlass mit den entsprechenden Ausführungsbestimmungen ist auf der Webseite www.schulsport-nrw.de nachzulesen und steht dort zum Download bereit. Allen Schulleitungen und Fachlehrkräften kann nur geraten werden, sich mit diesem Erlass eingehend zu beschäftigen.
Eigentlich ist der Erlass eine gute und notwendige Vorschrift, denn mit dem Sportunterricht liegt es teilweise schon im Argen. Während man im Krankheitsfall den Mathematik- oder Deutschunterricht durchaus sichern kann, ist man beim Mangel an Sportlehrkräften in der Schule leicht geneigt, einfach nur zwei von den wöchentlich vorgeschriebenen Sportstunden zu unterrichten. Sport, Religion und Musik sind nämlich die Fächer sind nämlich die Fächer, die vielfach nicht so wichtig genommen werden. Und der Mangel ist da - das beweisen die vielen Angebote, die auf der Vertretungswebseite Verena ausgeschrieben sind.

"Das Fach Sport ist mit 3 Wochenstunden verpflichtend in allen Schulformen und Schulstufen zu unterrichten. Eine Sportstunde besteht – wie jeder andere Schulstunde auch – aus 45 Minuten. Es gibt Schulen, die für alle Fächer der Stundentafel ein 60 Minuten – Konzept anbieten. Es gibt Schulen, die eine Doppelstunde Sport von 90 Minuten und eine Einzelstunde von 45 Minuten anbieten. Entscheidend ist die Summe. Die Schulen in NRW sind selbstständig. Sie entscheiden daher vor Ort wie sie die Vorgaben der Stundentafeln und der Lehrpläne umsetzen und unterrichten nach schulinternen Curricula. Für den Sportunterricht bedeutet das: die Schulen tun das in Abhängigkeit von ihren individuellen Standortmöglichkeiten und im Rahmen ihrer jeweiligen Schulprofile und Schwerpunkte (Anzahl der Lehrkräfte mit Fakultas, Hallenzeiten, Gehwegzeiten/Fahrzeiten zur Schwimmhalle, zum Sportplatz etc., sportorientiertes Schulprofil, bewegungsfreudige Schule, tägliche Bewegungszeit, NRW Sportschulen). Das bedeutet, es gibt auch Schulen, die mehr als 3 Stunden Sport in der Woche anbieten. Der Ausfall von Unterricht ist grundsätzlich zu vermeiden. Es ist seitens der Schule für Vertretungsunterricht zu sorgen."
Was also tun als Schulleiter, wenn im Krankheitsfall vertreten werden muss und keine Lehrkräfte mit fachlicher Qualifikation zur Verfügung stehen? Es bleibt nichts anderes übrig, als dass der Vertretungslehrer oder die Vertretungslehrerin aufgefordert wird, statt Sport etwas anderes zu unterrichten.
Was tun als Lehrerin oder Lehrer? Sicherlich kann man einen Film von der Olympiade zeigen, über ein sportliches Thema im Internet recherchieren oder ein Sportquiz veranstalten. Der Kreativität für Vertretungsstunden sind keine Grenzen gesetzt  - aber der eigentliche Zweck, die körperliche Fitness und Bewegungsschulung wird nicht erreicht. Sport fällt also aus. Besonders an Grundschulen wird das zunehmend ein Problem sein, weil dort der Sportunterricht vielfach fachfremd erteilt wird.

5.2.2015 Sportunterricht kann wie früher erteilt werden - Schulministerium rudert zurück

Der Aufschrei der Schulen und die Drohung des Unterrichtsausfalls war wohl doch groß genug, um das Schulministerium wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Inn einem Brief an die Schulen als Ergänzung zu dem Erlass steht nunmehr der Satz: "Unabhängig davon können alle Lehrerinnen und Lehrer, die bisher Sport unterrichtet und sich bewährt haben, dies auch weiterhin tun." Somit ändert sich also für die Grundschulen schon einmal gar nichts.
 

Unterrichtsausfall im Schuljahr 2014/15 - Ergebnisse der neuesten Stichprobe

Aufgrund der Einlassungen des Landesrechnungshofes von 2011 bis 2013 und den nachfolgenden Diskussionen im Landtag hatte der Ausschuss für Haushaltskontrolle beschlossen, ein Gutachten anfertigen zu lassen, ob eine belastbare Untersuchung des Unterrichtsausfalls an Schulen möglich sei. Dieses externe Gutachten kam Ende 2013 zu dem Schluss, dass es mit vertretbarem Aufwand kaum möglich sei, eine qualifizierte Aussage über den Unterrichtsausfall an den Schulen in NRW zu treffen. Das Schulministerium entschied sich trotzdem für eine erneute Stichprobe, indem der Erhebungsbogen von 2010 stärker differenziert wurde. Damit Sie die Unterschiede leicht erkennen können, habe ich im Downloadbereich die Erhebungsbogen 2007, 2010 und 2014 abgespeichert. Die Stichprobe wurde an 990 Schulen mit 7 Schulformen durchgeführt. Als Bezugsgröße wurde wie in den vergangenen Jahren das tatsächliche Unterrichtsangebot genommen und der Vertretungsunterricht in seinen verschiedenen Formen sowie der ersatzlos ausgefallene Unterricht erfasst. Das geschah diesmal differenzierter, wobei der Anteil des eigenverantwortlichen Arbeitens (EVA) als Vertretungsmaßnahme gerechnet wurde. Das ist natürlich auch ein Problem, denn es ist die Frage, ob das wirklich als Vertretungsunterricht angesehen werden kann. Immerhin ist aber dadurch der Anteil von ersatzlos ausfallendem Unterricht deutlich gesunken. So kommt nun das Ministerium auf einen Unterrichtsausfall von 1,2 %.

Unterrichtsausfall in NRW im Jahre 2014

Grundschule Hauptschule Realschule Förderschule
1,2% 2,4% 2,9% 1,0%
Gesamtschule S I Gesamtschule S II Gymnasium S I Gymnasium S II
2,9% 1,1% 1,7% 1,1%

Gemeinschaftsschule / Sekundarschule  1,2%

   
 
Das Schulministerium hat eine Hochrechnung  für den Anteil des ersatzlos ausgefallenen Unterrichts in NRW gemacht und kommt auf folgende Werte:
 

Anteil des ersatzlos ausgefallenen Unterrichts in NRW insgesamt

Jahr 2001 2003 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2014 2015
Mittelwert 4,3% 4,7% 4,4% 2,4% 2,6% 2,0% 2,3% 2,4% 1,7% 1,8%
Die Zahl von 1,7%  von 2014 ist nach Ansicht des VBE Schönfärberei. Das stimmt, denn die reale Situation in den Schulen sieht anders aus. Die Probleme liegen natürlich in der Art der Stichprobe. Im Grunde genommen ist nämlich jede Unterrichtsstunde, die fachfremd oder sonst wie vertreten wird, ein Lernausfall, der sich später bitter bemerkbar macht, wenn die Zentralen Prüfungen den Lernstand abfragen oder die Abiturprüfungen anfallen.

2. 2. 2016 Landeselternschaft bemängelt 6,4 % Unterrichtsausfall an Gymnasien

Nun hat auch die Landeselternschaft reagiert und eine neue Stichprobe in Auftrag gegeben. Untersucht wurden die Klassen 5 bis 9 an 53 Gymnasien. Dabei wurde eine Unterrichtsausfall von 6,4 % festgestellt. Das entspricht ganz und gar nicht dem Unterrichtsausfall von 1,7 %, den die Ministerin verkündet hatte. Ihre Zahlen beruhen auf der Erhebung an 110 Schulen, aber das dürfte den Unterschied nicht ausmachen. Vielmehr sind es wahrscheinlich die schärferen Kriterien, die die Landeselternschaft angelegt hat. Ehrlicherweise muss man nämlich zugeben, dass die Ausfall-Definition des Ministeriums nicht ganz den Realitäten entspricht - das haben die Eltern mittlerweile auch erkannt: Wenn eine Klasse nur von einem Lehrer aus der Nachbarklasse mitbetreut wird oder zu eigenverantwortlichem Arbeiten aufgefordert wird, so ist das dennoch eindeutig ein Unterrichtsausfall, denn Unterricht findet im wahrsten Sinne des Wortes nicht statt.

Man kann es drehen wie wann will: Unterrichtsausfall kann nur dadurch wirksam verhindert werden, dass die Schulen eine Vertretungsreserve bekommen. Die sollte mindestens bei 7% liegen.

Wenn Sie sich für die detaillierten Ergebnisse interessieren, laden Sie sich den ausführlichen Bericht vom Ministerium herunter.

Immerhin diskutiert man inzwischen in der Bildungskonferenz, was als Unterrichtsausfall zu werten ist und was nicht. Und immerhin hat am 1. Juni 2016 eine Arbeitsgruppe ihre Ergebnisse vorgestellt, wie der so genannte "Ad-hoc - Unterrichtsausfall" definiert und erfasst werden soll. Ende 2016 sollen dann weitere folgen.
 

12.12.2016  Schulministerium gibt die Ergebnisse des Unterrichtsausfalls 2015/16 bekannt

Die Schulministerin hat die Ergebnisse einer Stichprobenuntersuchung bekannt gegeben, die in der Zeit vom 30. Mai bis 10. Juni 2016 an insgesamt 770 Schulen durchgeführt wurde. Der Anteil  der ersatzlos ausgefallenen Unterrichtsstunden  wird danach mit 1,8 % angegeben, während er im Schuljahr 2014/15 bei 1,7 % lag.  Der Landesrechnungshof hatte schon 2011 eine Ausfallquote von 4,8 %  für das Schuljahr 2009 ermittelt, weil Mängel in der Art der Erhebung und der Meldung der Schulen festgestellt worden waren.
Nunmehr hat das Schulministerium das Erhebungsverfahren korrigiert und die Kriterien für die Untersuchung verbessert. Alle Untersuchungsergebnisse sind in einem ausführlichen Bericht zusammengefasst, den Sie sich von der Webseite des Ministeriums herunterladen sollten. Ehrlich ist das Verfahren dennoch nicht, denn der alleinige Erhebungszeitraum Ende Mai und Anfang Juni reicht nicht aus, wo doch jedermann weiß, dass die Krankheitszeiten im November und Februar deutlich höher liegen. Außerdem wurde das eigenverantwortliche Arbeiten der Schüler immer noch als Unterricht gewertet. Darüber hinaus  wird die Zusammenlegung von Lerngruppen oder Klassen als vollwertiger Vertretungsunterricht angesehen, wo doch jeder Lehrer weiß, was dabei herumkommt, wenn er neben seiner Lerngruppe oder Klasse noch eine zweite mitzubetreuen hat. Es ist nämlich nichts anderes als eine "Betreuung" und kein Unterricht! Außerdem kommt sein eigener Unterricht in seiner eigenen Klasse auch noch zu kurz!.

Unterrichtsausfall in NRW im Schuljahr 2015/16

Grundschule Hauptschule Realschule Förderschule
0,8% 2,7% 3,4% 1,8%
Gesamtschule S I Gesamtschule S II Gymnasium S I Gymnasium S II
3,0% 1,3% 1,5% 2,0%

Gemeinschaftsschule / Sekundarschule  1,4%

   
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass trotz aller Tricks ein Vertretungsbedarf von 7,6% ermittelt wurde. Damit müsste es doch eigentlich einleuchten, dass eine entsprechende Vertretungsreserve vorgehalten werden müsste.
Immerhin hat die Ministerin versprochen, die Daten für 2017/18 nunmehr nach einem "rollierenden Verfahren" zu erheben, das von der Bildungskonferenz empfohlen wurde. Damit würde dann der Vertretungsbedarf nicht nur im Mai oder Juni, sondern auch in den anderen Monaten ermittelt.
Die Schulministerin hat zugesagt, zur Verringerung des Unterrichtsausfalls die flexiblen Mittel auf 60,1 Mil. Euro anzuheben. Das verbessert zwar die Situation der Schulen, Vertretungskräfte schnell und unbürokratisch für Vertretungszwecke anzuwerben, aber sinnvoller wäre eine bessere Stellenbesetzung der Schulen, um den Vertretungsbedarf zu decken.


Quelle: Schulministerium NRW Dezember 2016

18. März 2017

Alarmstimmung So reagiert die Bezirksregierung auf den Unterrichtsausfall-Check

DORTMUND Bei der Bezirksregierung Arnsberg herrscht Alarmstimmung. Der Unterrichtsausfall-Check, mit dem die Ruhr Nachrichten und das gemeinnützige Recherchenetzwerk Correctiv die Zahl der ausfallenden Unterrichtsstunden an Dortmunder Schulen für den März ermitteln wollen, hat Nervosität in der Behörde ausgelöst und sich in einem Brief an die Schulen gewandt.
Nur nach mehrmaligen Rückfragen und einem Hinweis auf die Auskunftspflicht der Behörde beantwortete Christoph Söbbeler, Pressesprecher der Bezirksregierung, am Freitag die Fragen unserer Redaktion zu einem Brief der Bezirksregierung. Dieses Schreiben an die Schulleiter in Dortmund, so bestätigte Söbbeler, hat die Regierungspräsidentin nach Bekanntwerden des Projekts initiiert. Unterschrieben ist es von der Leiterin der Schulabteilung der Bezirksregierung.
In diesem Brief, so Söbbeler, informiere die Bezirksregierung die Schulleitungen über das Projekt und stelle ihnen frei, sich zu beteiligen oder nicht. Zudem bitte sie die Schulleitungen, im März intern die Vertretungspläne genau zu dokumentieren. Eine irgendwie geartete Anregung, im März darauf zu achten, dass besonders wenig Unterricht ausfalle, enthalte der Brief nicht. Söbbeler war am Freitag nicht bereit, der Redaktion eine Kopie des Briefes zukommen zu lassen.

Maulkorb für die Schulleiter?

Im Übrigen, so Söbbeler, sei es den Schulleitungen freigestellt, sich gegenüber den Medien zu dem Projekt zu äußern oder Anfragen an die Bezirksregierung weiterzuleiten. Damit widerspricht er mehreren Schulleitungen, die unserer Redaktion ausdrücklich das Gegenteil berichteten. So sagte Ute Tometten, Leiterin des Max-Planck-Gymnasiums, in dieser Woche unserer Redaktion auf die Frage zu einem konkreten Unterrichtsausfallthema: „Ich bin aber angewiesen, da nichts zu zu sagen.“
Eine ganz andere Offenheit gegenüber dem Unterrichtsausfall-Check empfiehlt Rüdiger Käuser. Er ist Oberstudiendirektor, Leiter eines Gymnasiums in Siegen und seit 2009 Vorsitzender der Westfälisch-Lippischen Direktorenvereinigung. Die vertritt die Interessen der Leiter von rund 300 Gymnasien in Westfalen – und damit auch der Dortmunder Gymnasien.
"Unterrichtsausfall ist ein Thema. Wir dürfen es nicht kleinreden, aber wir müssen auch genau hinschauen, warum eine Stunde nicht erteilt wird“, sagte Käuser am Freitag. Da gebe es die Vorgaben des Landes, die etwa Berufsinformationstage vorschrieben. „An diesen Tagen fällt normaler Unterricht natürlich aus.“ Dafür gebe es aber ein anderes, möglicherweise wertvolleres Lehrangebot. Gleiches gelte für Exkursionen oder Klassenfahrten.

Experte: Schulen sollten sich am Projekt beteiligen

Um Unterrichtsausfall qualitativ richtig zu bewerten, müsse man ins Detail gehen. Das aber könnten Lehrer und Schulleiter am besten selbst. Deshalb rate er Schulleitern und Lehrern, sich an dem Projekt zu beteiligen und zu einer qualifizierten Auswertung abseits populistischer Parolen beizutragen.
Was die Darstellung der Landesregierung angeht – danach fallen rund 1,8 Prozent Unterricht aus, was viele Schulexperten für zu niedrig halten – zeigt sich Käuser pragmatisch: „Die 1,8 Prozent kann man mit der richtigen Definition problemlos hinkriegen, aber auch eine 1,5 oder 3 oder 5 – das ist doch eine reine Frage, wie ich Unterrichtsausfall definiere“, sagte Käuser. Klar sei für ihn: Derzeit scheitere der Einsatz von mehr Lehrern nicht am Geld, sondern am Personal: „Es gibt einfach keine freien Lehrer.“
(Quelle: Ruhr-Nachrichten 18.3.2017)

Vielleicht interessiert Sie der Ausgang dieses Projektes? Lesen Sie die Ruhr-Nachrichten.

 

Weitere Hinweise:

Thema/Titel Internet-Adresse
Es gibt ein Gutachten zur Ermittlung des Unterrichtsausfalls in NRW, das vom Schulministerium in Auftrag gegeben wurde. Es wurde verfasst von Prof. Dr. Gabriele Bellenberg von der Ruhr-Universität Bochum und Prof. Dr. Christian Reintjes von der Fachhochschule Nordwestschweiz www.schulministerium.nrw.de
Ausführlicher Bericht zur Stichprobe zum Unterrichtsausfall 2014/15 mit Ergebnissen und einer Hochrechnung auf die Unterrichtssituation in NRW https://www.schulministerium.nrw.de/docs
Ausführlicher Bericht zur Stichprobe zum Unterrichtsausfall im Schuljahr 2015/16 https://www.schulministerium.nrw.de/docs/

Letzte Aktualisierung dieser Seite am 25.03.17 

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